Fotografie und Demokratie

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Gerade in den heutigen Tagen sehe ich eine große Ähnlichkeit zwischen Fotografie und Demokratie. Nehmen wir einmal an, wir wollten ein Foto bei vorhandenem Licht in einigermaßen realistischer Darstellung machen. Die Voraussetzung, um das Motiv durchgängig scharf abzubilden, wäre die Verwendung einer kleinen Blende. Die Belichtungszeit ergibt sich in Abhängigkeit vom ISO-Wert aus unserer Belichtungsmessung. Daneben haben wir Spielräume in einem beschränkten Umfang, die wir als kreative Elemente bezeichnen. Wir können z.B. den ISO-Wert oder die Belichtungszeit verändern, wir können Aufhellungen durch Reflektoren oder zusätzliche Beleuchtung erzielen oder wir können Abschattungen vornehmen. Am Ende entsteht ein Bild, das die Realität unter Einflussnahme der genannten Faktoren einigermaßen realistisch abbildet. Wenn wir jedoch die Spielräume überschreiten, entsteht ein Bild wie oben, welches total überbelichtet daherkommt. Dies ist zu weit entfernt von der ursprünglich gewünschten fotografischen Absicht.

Koalitionen und Fotografie

Wir stellen uns nun vor, dass unser Motiv die Wählerschaft eines Landes darstellt. Um abzubilden, was dort geschieht, muss ich Wahlen abhalten. Die Auszählung ist das Ergebnis im Belichtungsmesser. Die drei Faktoren Blende, Belichtungszeit und ISO-Wert, die die gewählten Parteien darstellen, können nur in Abhängigkeit voneinander verändert werden, wenn das Ergebnis von der Lichtmenge gleich bleiben soll. Das nennt man Sondierungsgespräche, die meistens in Koalitionsverhandlungen enden. Die Vorgabe bei unserem Abbildungswunsch war eine durchgehende Schärfe, was wiederum bedeutet, dass die Spielräume in der Darstellung nicht überragend groß sind. Wenn die Veränderung der drei oben genannten Werte also zu groß wird und wir trotzdem auf den Auslöser drücken, um ein Foto zu erhalten, werden Blende, Belichtungszeit und ISO-Wert ad absurdum geführt und verlieren ihr gestalterisches Profil. Wenn wir also auf Biegen und Brechen ein Foto machen wollen, dann wollen wir nur unserer Selbstdarstellungsgier als Fotograf frönen. Oder wie nennen wir das bei Parteien und Politikern?

Würden wir uns nicht lieber so abgebildet sehen?

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